Was stimmt mit unseren Medien nicht?

Die “taz” vergleicht Polizisten mit Nazi-Verbrechern, die Wahl einer Linksextremen zur Verfassungsrichterin entfacht keinen medialen Aufschrei, und neutraler Journalismus ist für den “Spiegel” Schnee von gestern. Signifikante Teile des Journalismus haben ihren Kompass verloren. Ein Kommentar

Hengameh Yaghoobifarah
© Jenny Schäfer // www.jennyschaefer.de

Die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah wirft in ihrer Kolumne die Frage auf, was man denn mit den Polizisten machen sollte, würde die Polizei abgeschafft werden. Dabei vergleicht Yaghoobifarah deutsche Polizisten implizit mit Nazi-Verbrechern und stellt sie damit in den Kontext von Verbrechen der Schwere von Genoziden:

“Wohin also mit den über 250.000 Menschen, die dann keine Jobs mehr haben? Einfach in neue Berufe stecken? Weil das nach 1945 so gut funktioniert hat? Fehlanzeige. Aber welche Bereiche der Arbeitswelt wären sicher?”

Am Ende ihrer Kolumne kommt sie zu dem Schluss, dass man die Polizisten am besten auf der Mülldeponie entsorgen solle, denn wo anders könnte man diese verdorbenen Charaktere nicht einsetzen. Eine Denke, die den Nationalsozialisten wohl zugesagt hätte.

Dass solch ein Text es durch die Redaktion der taz geschafft hat, ohne bemängelt zu werden, offenbart, dass einflussreiche Medienmacher ein immenses Problem haben: Sie respektieren grundlegende Errungenschaften der Aufklärung nicht mehr, darunter die Eigenwertigkeit des Individuums. Neutraler Journalismus ist für sie Schnee von gestern, Haltung zeigen ist das Gebot der Stunde.

Was unterscheidet Kemmerich und Borchardt?

Die moralischen Doppelstandards einiger Medien lassen sich simpel entlarven anhand des Vergleichs zweier Personen: Thomas Kemmerich (FDP) und Barbara Borchardt (Linke). Wir erinnern uns, Kemmerich wurde zu Beginn dieses Jahres zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt, mithilfe der Stimmen der AFD, darunter auch Björn Höcke. Dieser ist führendes Mitglied des vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften “Flügels.”

Es wurde also ein liberaler, bürgerlicher Politiker mithilfe der Stimmen von Rechtsextremisten ins Amt gewählt. Keine schöne Sache, keine Frage. Doch die Medien unseres Landes sahen unsere Demokratie untegehen. Sie überschlugen sich in Kommentaren und Überschriften, die die Vorgänge aufs Schärfste verurteilten. Schnell war der Mythos der absichtlichen Zusammenarbeit von FDP und CDU mit der AFD geboren und Medien verbreiteten ihn wie Lauffeuer. Sachliche, nüchterne Analysen werden der Auslandspresse, wie beispielsweise der NZZ, überlassen.

Was ist nun im Mai in Mecklenburg-Vorpommern passiert? Barbara Borchardt wurde zur Verfassungsrichterin gewählt, mit Stimmen der CDU. Borchardt ist Gründungsmitglied der “Antikapitalistischen Linken”, einer vom Verfassungsschutz beobachteten linksextremen Organisation. Die Ironie, dass jemand, der im Verdacht steht, Bestrebungen gegen die Verfassung zu unternehmen, über diese nun richten soll, kann keinem entgehen.

Eine Linksextremistin wurde mithilfe von Bürgerlichen ins Amt gewählt. Einen wirklichen Aufschrei gab es nicht. Keine Kampagne, keine Proteste, nichts. Wo sind die Kommentare über einen politischen Dammbruch? Wo sind die Leitartikel, die den Untergang der Republik prophezeien? Als ein Bürgerlicher mit Hilfe von Rechtsextremen ins Amt gewählt wurde, gab es das.

Der “Spiegel” hält neutralen Journalismus für unaufrichtig

Ein wichtiger Teil der deutschen Medien hat einen eindeutigen Bias. Und wie der Spiegel diese Woche bewiesen hat, ist das auch ganz gewollt: Als hätten sie aus dem Relotius-Skandal nichts gelernt, schrieb ein Spiegel-Autor einen Kommentar zu dem Rauswurf des Meinungschefs der New York Times. Dieser verlor seinen Job, nachdem er einen Kommentar abdrucken ließ, der den Militäreinsatz Trumps rechtfertigte. Der Spiegel verteidigte den Rauswurf und fügte hinzu, dass neutraler Journalismus ein überholtes Ideal sei. Neutralitätsjournalismus sei “uninteressant und unaufrichtig”, heißt es.

ZDF-Korrespondent Theveßen über den Einsatz des US-Militärs

Während sogenannte “Aktivisten” in den USA Städte in Brand setzen, Geschäfte plündern und Menschen verprügeln, echauffieren sich deutsche Medien über den Militär-Einsatz Trumps und zeichnen das Bild einer aufkeimenden Militärdiktatur, wie ein Tweet des ZDF-Korrespondenten Elmar Theveßen veranschaulicht.

All das zeigt: Führende Teile des deutschen Journalismus haben ihren Kompass verloren, und das im Glauben, diesmal auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Welch fataler Trugschluss.

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